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"Wenn dir das Leben Zitronen serviert mach einfach Limonade draus!"
(Unbekannt)

Prototyp

Es gibt jedoch viele Fälle, wo die Spezifikationsmuster allein nicht reichen. Dies kann daran liegen, dass die Situation einfach zu komplex ist, aber auch daran, dass ein Linienvorgesetzter, der das Vokabular und die Methodik natürlich nicht beherrschen kann, eine teure Entscheidung fällen muss. Oft sollen aber auch die gewählten Vertreter der Akteure sich vorab ein Bild von ihrer zukünftigen Software machen können, um noch Einwände oder Anregungen äußern zu können - und dies möglichst ohne lange Spezifikationen durcharbeiten zu müssen. Vielleicht will sogar der Vertreter des Kunden selbst gerne mit seinen Pilotanwendern Vorschläge erarbeiten. Auch dann ist es erforderlich, mit möglichst einfachen Mitteln einen möglichst realistischen Prototypen auf den Bildschirm zaubern zu können.

Im Essay 8 von [B26] schreibt Prof. Dr. Norbert Bolz: "Das ist das >Mittelglied<, das Kant vergeblich in der Urteilskraft des Menschen suchte: Zwischen Theorie und Praxis vermittelt das Spiel mit Prototypen. Und mit Prototypen spielen heißt: laut denken. Im ernsten Spiel konvergieren Designprozess und Innovationsprozess: Eine Idee wird in Szene gesetzt." Und so wird aus trockener Arbeit auf einmal ein echtes Erlebnis!

Was der Prototyp enthielt.
Was der Prototyp enthielt.

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Dafür kann schon die Erstellung eines statischen Screenshot-Prototypen beispielsweise mit Microsoft PowerPoint oder Microsoft Visio ausreichen. Dies hat dann auch den Vorteil, dass man auf evtl. vorhandene "Photos" von ähnlichen Bildschirmen zurückgreifen kann, die man nur noch ergänzen muss. Das nebenstehende Bild zeigt einen Prototyp in Visio, der zunächst aus einem Screenshot bestand (oberer Teil) und dann um eine weitere Sicht zur Diskussion und Vorabpräsentation ergänzt wurde (unterer Teil).

Diese statischen Prototypen werden auch gerne als "Paper Prototypes" (dt.: Papierprototypen, [B29]) bezeichnet - dann aber wirklich aufs Papier oder Flipchart gekritzelt. Damit kann man viel Zeit und Geld sparen, weil man die Probleme vor der eigentlichen technischen Implementierung diskutieren und lösen kann. Außerdem bekommt man zum frühest möglichen Zeitpunkt ein Feedback der Anwender und fokussiert damit die Entwicklung erneut auf den wirklichen Bedarf. Auch die Kommunikation mit dem Kunden wird stark gefördert, weil durch Rückfragen Entwickler aus verschiedenen Bereichen mit dem Thema des Kunden konfrontiert werden. Und nicht zuletzt wird durch das Spielen die Kreativität gefördert, so dass vor der technischen Implementierung in der Regel erst mehrere Ideen ausprobiert werden.

Gerade Visio hat sich bei mir super bewährt, denn dort kann man sich eine eigene "Schablone" erstellen, die wie eine Toolbox Standardelemente aufnimmt, die man dann durch Anklicken auswählen und sofort verwenden kann. Per Maus kann man Logos, Texte, Windows-Elemente (sehen echt aus, aber können nichts), Pfeile, Beschriftungsschildchen und viele andere spannende Dinge einfach auf die Schablone ziehen und weiter verwenden. Damit sind Entwürfe für Fenster oder Seiten wirklich in Minuten gemeinsam mit dem Kunden gebaut und schaffen ein Bild der Lage. Ein weiteres Beispiel sehen Sie auf der Seite Analysemuster.

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Dynamische ("funktionierende") Prototypen können natürlich mit einem einfachen System statt der geplanten Echtumgebung (beispielsweise Access statt VB/SQL-Server) realisiert werden. Der Aufwand ist aber auf jeden Fall größer als bei einem statischen Prototyp, und in Zeiten, wo eigentlich jeder den Umgang mit Software gewohnt ist, reichen die statischen Prototypen zur Vorstellung des endgültigen Programms eigentlich schon aus. Früher, als wir noch Software für Leute entwickelt habe, die noch nie in ihrem Leben vor einem PC gesessen haben, war ein dynamischer Prototyp zwingend erforderlich.

Auch heute noch ist übrigens der Spielraum bei der Realisierung so groß, dass es durchaus völlig verschiedene Wege für die Umsetzung eines Problems gibt. Hier eine geschickte, ergonomische und technisch sichere Variante zu finden, erfordert manchmal eine Menge Übung und Erfahrung. Aber oft gelingt es doch, im Sinne des Spruchs oben, das Beste draus zu machen.

Es kann aber auch aus technischen Gründen erforderlich sein, einen - oder sogar mehrere - Prototypen zu bauen. Wenn der Anbieter beispielsweise noch keine Projekte auf der geforderten Plattform realisiert hat oder eine neue Technologie zum Einsatz kommen soll oder Zweifel an der Realisierung der Performance bestehen, können die Architekten, Designer und Entwickler ohne Rücksicht auf Programmierkonventionen oder Dokumentation Prototypen zusammenschießen, um zu prüfen, ob die aufgestellten Gedanken richtig sind.

Ein Prototyp ist kein Umweg! Zwar weiß man nach einem Projekt nicht, wie viel Zeit man durch einen Prototypen insgesamt gespart hat, aber der Vergleich zwischen ähnlichen Projekten mit und ohne Prototyp hat gezeigt, dass sich der Aufwand für den Auftraggeber bezahlt macht, vor allem, wenn man viele nur mal eben zum gemeinsamen Verständnis ans Flipchart kritzelt! Einige meiner eigenen Projekte wären ohne Prototyp gnadenlos gescheitert, weil nach der Diskussion des Prototyps die Gestaltung der Software massiv geändert wurde. Einmal wurde sogar wegen Uneinigkeit der Beteiligten über den Prototyp das ganze Projekt verworfen! Aber vielleicht lag es ja auch daran, dass elf Leute darüber diskutiert haben! Doch wie wäre das Projekt wohl abgelaufen, wenn es diesen Prototyp nicht gegeben hätte? Dies zeigt, dass man als Anbieter den Prototyp nicht nur unter dem Aspekt der gewonnenen Zeit verkaufen sollte.

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Wie bereits beim Prototypen/Casey-Modell im Kapitel Vorgehensmodelle beschrieben, wird der Prototyp weggeworfen, schließlich ist es nur ein Prototyp: "Plan to throw one away; you will, anyhow." ("Planen Sie, einen wegzuwerfen; sie werden es sowieso.") [B10]. Hier sind sich nun wirklich alle einig (auch [B4] und [B12] beziehen sich auf [B10]). Sie sollten wirklich niemals den Prototyp in ein Echtsystem wandeln, denn Sie haben bei der Entwicklung des Prototyps per Definition die vereinbarten Konventionen nicht eingehalten, keine Fehlerbehandlung eingebaut, nicht systematisch getestet und keine Dokumentation erstellt!

 

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