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"Wer steilen Berg erklimmt, hebt an mit ruhigem Schritt."
(William Shakespeare)

Realisierung

Spätestens nach Abschluss der Analyse wird ein endgültiges Resümee über Machbarkeit und Sinnhaftigkeit gezogen. Genauer gesagt: die Feststellung der Machbarkeit und Sinnhaftigkeit der eigentlichen Implementierung der Leistungen sollte ein wesentliches Ziel der Analysephase sein. Dies kann natürlich auch dazu führen, dass hier das gesamte Projekt wegen zu hoher Risiken verworfen wird, wegen einer zu langen Zeitachse portioniert wird oder wegen der Überschreitung finanzieller Schwellen in Vergleichsangebote oder Ausschreibungen läuft. Es kann Ihnen auch passieren, dass auf einmal festgestellt wird, das derjenige, der analysiert hat, ja gar nicht die Realisierung anbieten darf; dann sind Sie einfach raus aus dem Rennen!

Ich selbst habe auch schon ein kleines Projekt erlebt, bei dem in der Mitte der Analysephase ein Zwischenresümee ergeben hat, dass die Anforderungen keineswegs einzigartig sind und wahrscheinlich von Standardprodukten abgedeckt werden können. Hier bestand die Gefahr, dass für einen einzelnen Kunden individuell ein Standardprodukt in der n-ten Ausprägung entwickelt wird. Die Anforderungsanalyse wurde daher nach fünf Tagen abgebrochen und durch eine Marktanalyse ersetzt. Tatsächlich konnte der Kunde schon nur wenige Wochen später ein Standardprodukt einführen, das obendrein auch noch preiswerter war. Die Entscheidung "make or buy" (dt.: machen oder kaufen) sollte also immer spätestens am Ende der Analysephase bewusst getroffen werden.

Wenn also der Kunde ein Angebot für die Implementierungsphase wünscht (und dies nicht irgendwie schon mit der Analyse bereits angeboten wurde), so wird es jetzt noch mal richtig spannend. Als Anbieter müssen Sie die Ressourcen (interne und externe) bereits irgendwie einplanen, weil es nach dem Auftrag natürlich möglichst schnell losgehen soll; andererseits kann es auch einige Wochen dauern, bis der Auftrag vorliegt, so dass Sie hier ggf. bereits wertvolle Ressourcen binden. Gerade in Verbindung mit schwebenden Verträgen mit Unterlieferanten kann dies tückisch werden. Sie sollten keinesfalls auf die Idee kommen, strategisch zu denken und künstliche Sicherheit in die Sache zu legen, d.h. einfach schon mal anzufangen, "weil der Auftrag ja eh kommt". Glauben Sie mir, zu diesem Zeitpunkt passieren oft die tollsten Dinger! Ich habe an dieser Stelle auch mal ein Projekt verloren, weil die Rechtsabteilungen im Vertrag keine Einigung über die Rechte an den Quellen erzielen konnten. So lange also der Auftrag nicht verbindlich unterschrieben vorliegt, heißt es nur: cool bleiben (s. auch den Spruch oben auf dieser Seite). Also lieber im Angebot bzw. Vertrag eine gesunde Termindistanz bis zur Aufnahme der Aktivitäten nach Vertragsabschluss vereinbaren oder eine Absichtserklärung aushandeln.

Hier sei noch ein wichtiger kaufmännischer Aspekt erwähnt, nämlich der Unterschied zwischen einem Werkvertrag und einem Dienstvertrag: Beim Werkvertrag schließen Sie einen Vertrag zur Lieferung eines Gewerks gemäß einer Leistungsbeschreibung, ganz wie beim Schreiner. Dieses Gewerk wird dann auch anhand der Leistungsbeschreibung abgenommen und unterliegt Gewährleistungsansprüchen. Bei einem Dienstvertrag, wie er beispielsweise mit Trainern für eine Schulung abgeschlossen wird, ist keine Rückgabe des Produktes möglich und die Erfüllung der Leistung hängt auch nicht allein vom Geschick des Trainers ab: was kann denn der Trainer dazu, wenn die Kursteilnehmer ihn auf dem Kieker haben und sich deshalb der Kurserfolg nicht einstellt? Wenn Sie als freier Mitarbeiter als achtes Teammitglied in eine Programmierung einsteigen, wird es für Sie wohl auch einen Dienstvertrag geben, bei dem Ihre Stundenleistungen einzeln abgerufen, eng überwacht und schließlich unweigerlich bezahlt werden. Wenn Sie als Softwarehaus nach einer Analyse eine Programmierung mit einem eigenen Team anbieten, wird dies ein Werkvertrag, auch wenn Sie iterativ inkrementell mit Zwischenreleases arbeiten und sich sogar nach Aufwand bezahlen lassen! Irgendwann müssen Sie dann halt fertig sein und für das Produkt haften.

Beide Seiten sollten spätestens jetzt einmal gründlich über das Lizenzmodell der Software nachdenken. Als Anbieter (also vielleicht späterer Lieferant) haben Sie jetzt die Fachlichkeit genau kennengelernt und haben ja vielleicht eine Marktnische erkannt, die Sie gerne füllen möchten. Dann wird die anzubietende Realisierung vielleicht nur eine Grundversion darstellen, die Sie später in Eigenregie generalisieren, um Sie dem breiten Markt anzubieten. Der jetzige Kunde wird damit vielleicht nur zum Lizenznehmer und sieht gar nicht mehr ein, dass er die vollen Entwicklungskosten tragen soll. Andererseits sieht der Auftraggeber an dieser Stelle vielleicht auch, wie einzigartig diese Software wird und welchen Vorsprung vor der Konkurrenz er damit erlangen kann. Dann wird er das exklusive Recht an den Quellen wollen. Vielleicht will der Kunde die Software dann ja sogar an die Tochterbetriebe oder Niederlassungen weiter verkaufen. Dann sollte abgeklärt werden, welche Rolle Sie als Auftragnehmer dabei spielen; vielleicht wird dadurch ja eine massive Unterstützung beim Rollout und sogar eine Internationalisierung der Software erforderlich. Wenn Sie dagegen die IT-Abteilung oder gar IT-Stabsstelle eines Unternehmens darstellen und die Software nur innerhalb des eigenen Unternehmens eingesetzt werden soll, werden Sie hier kaum Lizenzprobleme bekommen - es sei denn, Sie sind als Profit-Center aufgestellt.

Wenn es wirklich zur Realisierung (auch "Implementierung", "Codierung" oder "Konstruktion" genannt) kommt, wird jetzt das technische Team hinzukommen und damit wird das Projekt beim Lieferanten endgültig zu einer echten Nummer. Dann sollte es auch ein Kick-Off-Meeting innerhalb des vergrößerten Projektteams und ein weiteres mit dem Kunden geben. Auf diesen Veranstaltungen können Mitarbeiter vorgestellt, Regeln definiert, Rollen verteilt und Vorgehensweisen vereinheitlicht werden. Außerdem ist die Stimmung zu dieser Zeit stets noch sehr positiv, so dass sich auch die Linienvorgesetzten aus den verschiedenen Eskalationspfaden noch im Guten kennen lernen können ;-)

 

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