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"Es war einmal ..."
(Der Anfang eines jeden guten Märchens)

Prosatext

Beschreiben Sie als Analytiker gemeinsam mit Ihrem Ansprechpartner des Kunden in Prosa - also "natürlichsprachlich" - mit wenigen, kurzen und einfachen Sätzen die gefundenen Hauptanforderungen und damit die wesentlichen Teilziele des zu erstellenden Software-Systems. Ich weiß, dass Sie hier glänzen möchten und dies zunächst eindrucksvoller erscheint, wenn es komplex formuliert wird. Aber wir sehen gleich noch, warum es wichtig ist, dass alles auf ein Blatt Papier passt und warum jeder in der Lage sein sollte, diese Sätze möglichst interpretationsfrei zu verstehen. Daher sollten Sie hier in der Sprache des Kunden formulieren und nicht jeder Kunde versteht UML-Diagramme mit Systemgrenzen und Strichmännchen!

Denken Sie immer daran, dass der Kunde und der Anbieter verschiedene Sichten haben: der Kunde denkt an seine Fachlichkeit und Organisation, der Anbieter denkt an Datenstrukturen und Modulschnittstellen. Unter dem Begriff "Ordner" beispielsweise verstehen der Kunde und der Anbieter oft ganz verschiedene Dinge: der Kunde meint den Ordner, in dem er mit Trennblättern Papier abheftet, den er auf eine definierte Art und Weise beschriftet und der in einem bestimmten Schrank unter der Obhut eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin verwahrt wird. Der Anbieter meint den Ordner, den er in einem Festplattenvolumen des PC-Netzwerks anlegt und mit Rechten eines Benutzers seines technischen Systems versieht, der darin Dateien speichern darf. Beides ist vielleicht nur die unterschiedliche Sicht auf den Informationsspeicher des Unternehmens und meint damit letztlich das Gleiche, aber sind sich wirklich der Kunde und der Anbieter über ihre unterschiedliche Sicht im Klaren?

Wie es der Kunde verstand.
Wie es der Kunde verstand.

Der Prosatext ist auch ein Test für das Zweck- und Tragweiten-Diagramm, das formulierte Hauptziel sowie den Namen des neuen Softwaresystems. Wenn diese vier Darstellungen nicht übereinstimmen, muss entsprechend korrigiert werden. Die iterativ inkrementelle Vorgehensweise bezieht sich ja schließlich nicht nur auf die Codierung des Programms, sondern auf die gesamte Entwicklung des Systems. Daher wird auch die Pre-Analyse-Phase ggf. mehrfach die Prozesse "Namensfindung", "Hauptzieldefinition", "Erstellung Zweck- und Tragweitendiagramm" und "Prosatexterstellung" durchlaufen, bis alles vollständig genug und widerspruchsfrei erscheint.

Auch im weiteren Verlauf des Projekts werden immer wieder Prosatexte in Erscheinung treten, die natürlich zur Erzeugung von beidseitigen Verbindlichkeiten immer schriftlich fixiert werden sollten. Es kann sich dabei um ausführlichere Anwendungsfall- oder Testfallbeschreibungen während der Anforderungsanalyse handeln, um Protokolle von Sitzungen oder auch um technische Dokumentationen wie beispielsweise Architekturbeschreibungen.

 

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